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Kormorane auf Rügen

Rügen ist nicht nur Kreideküste, Buchenwald und Ostseebad. Abseits der bekannten Aussichtspunkte zeigt die Insel eine rauere, stillere Seite: Boddenlandschaften, Schilfgürtel, abgestorbene Baumkronen und Vogelkolonien, die aus der Entfernung fast wie schwarze Zeichen in der Landschaft wirken. Besonders eindrucksvoll sind die Kormorane. Sie sitzen oft in Gruppen auf kahlen Ästen, fliegen flach über das Wasser oder stehen mit ausgebreiteten Flügeln am Ufer, um ihr Gefieder zu trocknen.

Der Kormoran ist ein Vogel der Gewässer. Er lebt von Fisch, brütet in Kolonien und nutzt je nach Landschaft Bäume, Felsen oder andere geschützte Brutplätze. In baumbrütenden Kolonien verändern die Vögel sichtbar ihre Umgebung: Durch den scharfen Kot werden Blätter und Zweige geschädigt, die Bäume wirken später kahl, fast silbrig und abgestorben. Genau diese Mischung aus Leben und Verfall macht solche Orte fotografisch interessant.  

Auf Rügen haben Kormorane eine lange Geschichte. Die Insel Pulitz im Kleinen Jasmunder Bodden war bereits früh ein bedeutendes Vogelschutzgebiet; die frühere große Kormorankolonie wurde dort jedoch in den 1950er Jahren aufgegeben. Heute sollte man deshalb vorsichtig sein, historische und aktuelle Koloniestandorte nicht zu verwechseln. Eine heute bekannte Kormorankolonie liegt bei Niederhof am Strelasund, wo der NABU von etwa 1.300 Brutpaaren berichtet.  

Fotografischer Eindruck

Mit der Leica M10-R und dem Voigtländer APO-Ultron 2/90 mm entsteht kein klassisches Telefoto aus großer Distanz. 90 mm sind für Vogelporträts eher kurz. Genau darin liegt aber der Reiz: Die Kormorane werden nicht isoliert, sondern bleiben Teil der Landschaft. Die kahlen Bäume und das diffuse Licht der Boddenlandschaft erzählen mehr als ein enges Tierporträt.

Die Leica M10-R liefert dafür genügend Auflösung, um später behutsam zu beschneiden, ohne den Charakter der Aufnahme zu verlieren. Das Voigtländer APO-Ultron 90 mm bringt eine klare, kontrastreiche Zeichnung mit. Gerade bei dunklen Vögeln vor hellem Himmel oder Wasser ist das wichtig, weil der Kormoran schnell zu einer schwarzen Fläche ohne Zeichnung werden kann. Entscheidend ist deshalb eine knappe, aber nicht zu harte Belichtung: lieber die Lichter im Himmel und Wasser schützen und die dunklen Partien später gezielt anheben.

Bildgestaltung

Interessant sind Kormorane selten nur als einzelner Vogel. Spannender wird es, wenn die Kolonie als Struktur sichtbar wird: mehrere Tiere auf abgestorbenen Ästen, unterschiedliche Haltungen, ein Vogel im Anflug, andere mit ausgebreiteten Flügeln. Die Äste wirken dabei fast grafisch. Besonders bei bedecktem Himmel oder leichtem Gegenlicht entsteht eine reduzierte Bildsprache, die gut zu Schwarzweiß oder zu zurückhaltenden Farben passt.

Für die Komposition lohnt es sich, nicht zu nah zu denken. Ein Kormoran auf einem Ast ist ein Motiv. Eine ganze Gruppe in einem kahlen Baum erzählt dagegen vom Ort. Die Aufnahme lebt dann weniger vom spektakulären Einzelmoment, sondern von Ordnung, Wiederholung und Atmosphäre.

Arbeiten mit 90 mm Brennweite

Das Voigtländer APO-Ultron 2/90 mm zwingt zu einer ruhigen Arbeitsweise. Man kann nicht einfach „heranzoomen“, sondern muss den Bildausschnitt bewusst wählen. Bei Naturmotiven ist das oft ein Vorteil. Die Distanz bleibt respektvoll, der Standort wird nicht unnötig verlassen, und die Tiere werden nicht bedrängt.

Für solche Motive eignen sich Blenden zwischen f/4 und f/8. Bei offener Blende kann ein einzelner Vogel freigestellt werden, aber bei einer Kolonie ist meist etwas mehr Schärfentiefe sinnvoll. Kurze Verschlusszeiten helfen, wenn Vögel auffliegen oder sich im Wind bewegen. Bei ruhenden Kormoranen reicht oft eine gemäßigte Zeit, solange die Kamera stabil gehalten wird.

Naturbeobachtung mit Abstand

Kormorankolonien sind keine Kulisse, sondern sensible Lebensräume. Gerade während der Brutzeit sollte Abstand selbstverständlich sein. Wege, Sperrungen und Hinweise in Naturschutzgebieten sind zu beachten. Bei Pulitz ist besonders wichtig: Das Gebiet ist aus Naturschutzgründen nicht ganzjährig frei zugänglich; die Begehbarkeit ist zeitlich eingeschränkt.  

Fotografisch ist das kein Nachteil. Gute Naturfotografie entsteht nicht durch Nähe um jeden Preis, sondern durch Beobachtung, Geduld und die Bereitschaft, den Ort so zu akzeptieren, wie er ist. Die Leica M10-R mit dem 90-mm-Objektiv passt genau zu dieser Haltung: langsam, bewusst, reduziert.

Fazit

Die Kormorane auf Rügen zeigen eine andere Seite der Insel. Nicht die helle Postkartenlandschaft, sondern eine stille, etwas herbe Natur zwischen Wasser, Wald und abgestorbenen Baumkronen. Mit der Leica M10-R und dem Voigtländer APO-Ultron 2/90 mm entsteht daraus keine reine Tierdokumentation, sondern ein fotografischer Blick auf Landschaft und Vogelkolonie zugleich.

Gerade diese Zurückhaltung macht das Motiv stark. Die Kormorane bleiben Teil ihres Lebensraums. Die Bilder erzählen nicht nur vom Vogel, sondern auch vom Ort, vom Boddenlicht und von der eigenwilligen Natur Rügens.

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Stefan Strößenreuther

Stefan Strößenreuther

Ich fotografiere bevorzugt analog – mit Kleinbild- und Mittelformatsystemen, weil ich die bewusste Herangehensweise, das entschleunigte Arbeiten und die handwerkliche Qualität des Mediums schätze. Für mich ist Fotografie nicht nur ein technischer Prozess, sondern ein kreativer Dialog mit Licht, Motiv und Material. Die Begrenzung auf 12 oder 36 Aufnahmen zwingt zur Konzentration – jedes Bild ist eine Entscheidung.