Vom geplanten Kriegshafen zur stillen Boddenlandschaft
Wer heute durch Polchow auf der Insel Rügen fährt, erlebt einen Ort, der kaum ursprünglicher sein könnte. Ein kleiner Fischerhafen, Schilfgürtel am Ufer des Großen Jasmunder Boddens und weite Blicke über das Wasser prägen das Landschaftsbild. Nur wenige Besucher wissen jedoch, dass genau hier eines der größten militärischen Bauvorhaben des Dritten Reiches entstehen sollte.
Für Naturfotografen ist Polchow heute ein Geheimtipp. Die ruhige Lage, das weiche Licht über dem Bodden und die nahezu unberührte Landschaft bieten ideale Voraussetzungen für stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen. Kaum vorstellbar, dass dieser Ort einst zum Zentrum eines gewaltigen Marinehafens werden sollte.
Polchow – Ort am Großen Jasmunder Bodden
Polchow liegt am westlichen Rand der Halbinsel Jasmund direkt am Großen Jasmunder Bodden. Der kleine Ort besteht nur aus wenigen Häusern, einem historischen Hafen und ehemaligen Fischergehöften. Die Straße endet am Wasser – Durchgangsverkehr gibt es nicht.
Gerade diese Abgeschiedenheit macht den besonderen Charakter des Dorfes aus. Am frühen Morgen liegt häufig Nebel über dem Bodden, während am Abend die Sonne hinter den sanften Hügeln der Insel untergeht. Im Frühjahr und Herbst rasten Kraniche, Graugänse und zahlreiche Watvögel in den flachen Uferbereichen. Schilfflächen, Kopfweiden und einzelne Fischerboote sorgen für Motive, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert haben.
Ende der 1930er Jahre planten die Nationalsozialisten den Bau eines der größten Marinehäfen Deutschlands am Großen Jasmunder Bodden. Der geschützte Bodden erschien aus militärischer Sicht ideal. Über einen künstlichen Durchstich bei Glowe sollte eine direkte Verbindung zur Ostsee geschaffen werden.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschoben sich jedoch die Prioritäten. Über erste Vorarbeiten hinaus wurde das Projekt nicht umgesetzt. Auch spätere Überlegungen während des Krieges, den Standort erneut auszubauen, blieben ohne praktische Folgen. Nach dem Krieg griff auch die DDR zeitweise Überlegungen auf, den Großen Jasmunder Bodden als Hafenstandort zu nutzen. Diskutiert wurden ein Marinehafen, Werften sowie Anlagen für Handel und Fischerei.
Letztlich fiel jedoch eine andere Entscheidung: Stattdessen entstand der Fährhafen Mukran bei Sassnitz. Von dort wurden später Eisenbahnfähren in die damalige Sowjetunion betrieben. Für Polchow bedeutete dies einen entscheidenden Wendepunkt. Die Landschaft blieb weitgehend unberührt. Industrieanlagen entstanden nicht, der Charakter des kleinen Fischerdorfes blieb erhalten.
Gerade weil die ehrgeizigen Hafenpläne niemals verwirklicht wurden, gehört die Region heute zu den ruhigsten Landschaften auf Rügen. Rund um den Großen Jasmunder Bodden finden sich ausgedehnte Schilfgürtel, flache Uferzonen und wertvolle Lebensräume für zahlreiche Vogelarten. Die Nähe zum Nationalpark Jasmund macht Polchow zudem zu einem idealen Ausgangspunkt für Fototouren. Innerhalb weniger Minuten erreicht man die berühmten Kreidefelsen, die Buchenwälder des UNESCO-Weltnaturerbes oder die Boddenlandschaften im Westen der Halbinsel.
Polchow zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich sich Geschichte entwickeln kann. Wo einst ein riesiger Kriegshafen entstehen sollte, befindet sich heute eine der ruhigsten Boddenlandschaften Deutschlands. Die nicht verwirklichten Großprojekte haben letztlich dazu beigetragen, dass dieser Teil Rügens seinen ursprünglichen Charakter bewahren konnte.
Für Natur- und Landschaftsfotografen ist Polchow deshalb weit mehr als ein kleiner Ort am Wasser. Es ist ein Platz, an dem sich Geschichte und Landschaft auf besondere Weise begegnen – und an dem gerade die Stille den größten Eindruck hinterlässt.